WC-Steine - Sinnbild für Achtsamkeit


und ein Grillabend als minimale emotionale Herausforderung


 

2:43 Uhr. Ich taste zum warmen Körper neben mir. Ruhig und flauschig.

Das neueste Resultat eines nächtlichen Charly-Dialogs liegt lautlos und ohne Arme an meiner Seite. Gestern bestellt mit Sameday-Priority-Lieferung: eine XXL-Wärmflasche in beruhigendem Rosaton. Ohne Arme, ohne Bart. Aber: treu, warm, planbar und nervensystemfreundlich.

Der Prototyp einer DIY-Version von „Geborgenheit zum Mitnehmen“.

Bevor ich aber ein Patent auf eine Wärmflasche 2.0 mit Armen, Klettverschluss und Atemmodus anmelde, teste ich gerade im ersten Schritt, ob Geborgenheit wirklich technisch nachbaubar ist. Die Idee dahinter ist ein Hilfsmittel für diverse Indikationen:

Prävention und Therapie chronischer Schlafprobleme, Prophylaxe nächtlicher Kälteempfindungen und Behandlung einer Dysregulation des Nervensystems sowie akuter Instabilität, z. B. durch Geborgenheitsdefizit.

 

Um 6:30 Uhr schreit mich mein Wecker unnötig an, denn ich bin immer noch hellwach und sichere mir gerade Coupons in meiner Discounter-App.

Meine Morgenroutine kann beginnen. Bewusst atmen und sich auf einen schönen Tag freuen. Aber erst einmal suche ich noch motiviert meine Latschen und finde sie unter meinem Gymnastikball. Gut.

Pilates, dann mit Kaffeetasse Meditation am Gartenteich.

Noch mit leichtem Morgennebel im Kopf füge ich den halben Milchkaffee dem Teich zu. Meine Goldfische reagieren hektisch.

 

Im Sinne von gelebter Achtsamkeit (in diesem Fall eher Unachtsamkeit) sehe ich immer das Positive in solchen Situationen. Sie haben es überlebt. Und ich habe noch Kaffee in der Tasse.

Nicht jeder Tag, der mit einem Lächeln und Lebensfreude beginnt, lässt sich auch so leben. Dazu gibt es immer neue Herausforderungen. Und andere Menschen.

 

8 Uhr. Mein Telefon meldet sich. Ein Anruf? Warum?? Es gibt doch WhatsApp oder E-Mail, herrjeh. Ich atme und registriere eine unbekannte Rufnummer. Hm. Mit einer Mischung aus subtiler Gereiztheit, innerer Unruhe und einem Hauch von Neugier melde ich mich mit einem neutralen „Ja?!“.

Man gratuliert mir, dass ich bei einem Glücksspiel gewonnen habe. Oh. Schön. Äh, wie? Welche Firma?? Sie riefe von der Glücksspielzentrale an! Wow! Eine Reise nach Paris im Wert von 1000 € für zwei Personen!! Juchhu! Aber, äh, nee… Zu zweit??? Ich sage, dass ich an keinem Glücksspiel teilgenommen habe… Sie so: Ja, das geht vielen so, das war vergangenes Jahr! Das vergisst man leicht!!

Nee… ist klar… Unterdrückte Nummer, meldet sich nur mit Vornamen, Firma: Glücksspielzentrale…

Reise nach Paris: unwahrscheinlich.

Reise in Abo-Falle: deutlich realistischer.

 

Trotz Atemübung und achtsamen Wegdrückens des Teilnehmers macht mich so etwas wütend. Aber der Tag bringt ja das, was man daraus macht.

Mit einer Achtsamkeit für die schönen Dinge am Wegesrand gleite ich mit meinem Elektro-Mofa-Roller lautlos zu meinem Nebenjob.

Während ich dort das WC schrubbe, Böden wische und Armaturen poliere, beobachte ich meine Gedanken. Mein Freund Olek kommt in zwei Tagen zum Grillen und bringt einen Kumpel mit.

 

Die Begegnung mit Olek vor einem Jahr brachte mich an einen emotionalen Wendepunkt und machte mir wieder bewusst, was Liebe für mich bedeutet. Ich bin dankbar, diesen Mann weiterhin als Freund zu haben. Situation: Restgefühl vorhanden, aber Freude auf ihn als Mensch überwiegt. Ich freue mich über diese Freundschaft und Nähe, ohne das damals so dringende Bedürfnis nach mehr.

Es ist, wie es ist.

Ich visualisiere mich gelassen, stark, humorvoll und realistisch. Und denke an selbstgemachtes Aioli und Hühnerschenkel.

Irgendetwas ist komisch, denke ich, als ich den blitzsauberen WC-Deckel hebe, um das Wischwasser zu entsorgen. Hm. Und dann muss ich wirklich lachen. Ich habe die WC-Steine nach außen gehängt. In mehreren Blautönen leuchtend sehen die duftenden Kugeln außen am Toilettenbecken irgendwie aufmüpfig aus.