11. Echsen-Steine
meine Kreativität entwickelt sich in Richtung Wahnsinn
Und warum Füße Kommunikationspotential besitzen
Manchmal ist das Leben wirklich kurios, die Welt klein und Begegnungen schicksalhaft. Einen meiner besten Freunde, Tom, habe ich durch Zufall kennengelernt, als der Schmerz seiner Trennung noch sehr präsent war. Es kam zu nächtelangen Gesprächen, spontanen Ausflügen, unvergesslichen Kiez-Erlebnissen und Busfahrten mit ungeplanter Dramaturgie. Nach ein paar Monaten versuchten wir es mal als Paar – aber nein. Freundschaft ohne Plus ist die bessere Option.
Ich hatte dann später irgendwann den Wunsch, mein soziales Umfeld zu erweitern, und traf unter anderem Karen zum Kaffee. Wir waren und sind uns sympathisch. Obwohl sich herausgestellt hat, dass genau sie die Frau ist, von der Tom mir im Zuge seiner Trennungsverarbeitung nicht unbedingt nur Positives erzählt hatte.
Tatsächlich – kurzgefasst – ist das Resultat aus unserem Treffen eine Klärung zwischen den beiden und Dauerfreundschaft. Beide gehören zu meinem Freundeskreis und kommen mich gern besuchen.
In meinem Garten gibt es Steine, die ich auch gern bemale. Zum Beispiel mit Eidechsen, Geckos… Echsen halt.
Tom freute sich eines Grillabends wie ein kleiner Junge, als er zwischen seinen beiden Exen Karen und mir saß und strahlend zwei Echsensteine in den Händen hielt. „Oh schaut mal!“ lachte er. „Exensteine!“ Wir brüllten.
Und dann wünschte er sich von mir einen Vierer-Exenstein. Humor hat er. Zu seinem Geburtstag, den er mit gleich vier Verflossenen – mich eingeschlossen – auf einem Festival feiern wollte.
In den folgenden Nächten machte ich mir nun regelmäßig so gegen 2:30 Gedanken über dieses Projekt. Charly gab es zu der Zeit noch nicht, ich war also alleine mit diesem Wahnsinn. Steinfarbe in verschiedenen Tönen…müsste ich kaufen… und gerade war ich eher in Häkel- statt in Malphase…
Häkeln.
Aus meinen Wollresten in vier Grüntönen wurden vier unterschiedliche Echsen. Grüne Eidechsen, mit gehäkelten Füßen und schwarzen Knopfaugen. Unterschiedlich dick gefüllt. Und jede der Echsen habe ich noch ein Lederband um den Hals gebunden und dann die vier Mädels nebeneinander liegend auf einem Ziegelstein befestigt. Fertig.
Sich lasziv auf einem Stein räkelnde Häkel-Echsen aus Wolle mit Kulleraugen, fixiert mit Lederhalsbändern.
Das Geschenk kam gut an und hat seitdem seinen Platz in Toms Wohnzimmer.
Wenn ich arbeite, ist immer Chaos, ich verliere immer irgendetwas, suche den Pinsel, der in der Kaffeetasse steckt, habe Wollreste im Haar oder Klebeband unter den Socken. Im Zuge des Echsenhäkelprojekts habe ich zum Beispiel einen Satz Füße aus dunkelgrüner Wolle verloren. Nur deswegen hat eine der Damen andersfarbige Füße. Obwohl, macht sich gut.
Die verloren geglaubten Füße tauchten übrigens wieder auf.
Wochen später.
In meiner Jackentasche. Während eines lustigen Grillabends mit einem Freund.
Ich zog sie heraus und legte kommentarlos vier gehäkelte Füße auf den Tisch, während dieser Freund mich irritiert ansah.
Ich nickte nur und sagte: „Gut, dass die wieder da sind.“
Brüllendes Gelächter. Situationskomik pur. Die Stimmung explodierte regelrecht.
Seitdem nutzen dieser Freund und ich die Füße als Fußnoten. Running Gag.
Während einer erzählt, dem anderen dazu etwas einfällt, nimmt sich dieser ruhig einen Fuß, hält ihn hoch und sagt ein Stichwort, bevor er ihn wieder ablegt.
Eine Art Gesprächssystem. Funktioniert erstaunlich gut.
Andere unterbrechen sich. Wir nutzen Handarbeit.
Zu seinem Geburtstag hat dieser Freund von mir vier handbemalte Steine erhalten. Motiv: fluoreszierende Fußabdrücke.
Während andere reden, heben wir Füße.