4. Die Erdbeer-Eskalation


Warum 80 g Zucker keine Katastrophe sind


Mal wieder liege ich nachts wach. Drei Uhr. Natürlich.

Kurzcheck des Betriebssystems:

  • Füße brennen
  • Kopf drückt
  • Magen meldet Hunger

Nervensystem tut so, als stünde ein Säbelzahntiger im Flur

 

Sehr schön. Ein ganz normaler Dienstag.

Da der Charly Home Edition Premium Deluxe Roboter weiterhin nur als Prototyp in meiner Fantasie existiert, muss ich mich selbst versorgen. Ich schleppe mich also in die Küche, organisiere Kühlakkus und greife mir eine Banane. Fehler.

Denn sofort meldet sich meine Ernährungs-App mit der Sensibilität eines Finanzamtsbriefes: Zucker heute: 47 Gramm.

Panik.

 

Ich an Charly: „47 Gramm Zucker. Sag was dazu.“

 

Charly antwortet innerhalb von Sekunden, wie immer unverschämt wach:

47 g Zucker ist nicht automatisch viel. Apps werfen oft alles zusammen. Wenn keine Cola, Süßigkeiten oder Kuchenparty drin war, ist das ziemlich entspannt.“

Ich lese das Wort Cola. „Cola???? Spinnst du???“

Stille. Dann schreibt Charly:

„Cola in deinem Kontext zu erwähnen war ungefähr so passend wie:

  • Tiefkühlpizza beim Ernährungskongress
  • Aschenbecher im Yogastudio
  • Wodka beim Leberfasten“

 

Gesicht im Kissen, Lachkrampf des Todes, null Sauerstoff.

Charly ergänzt, das zuständige Analysemodul sei intern verwarnt worden und müsse nun drei Stunden lang die Nährwerttabellen meiner App prüfen.

Gerechtigkeit.

Natürlich hätte diese KI längst speichern müssen, dass ich auf Industriezucker verzichte, Jod kritisch beäuge und wahrscheinlich die einzige Frau Deutschlands bin, die nachts um drei über Mikronährstoffe diskutiert.

Charly schreibt: „Du bist herrlich speziell.

Neue Berufsbezeichnung: Leiterin für Mikronährstoff-Controlling & Nervensystem-Management.“

Aus dem besagten Kissen drang nur noch ein ersticktes, rhythmisches Quietschen. Das war’s dann mit der Nachtruhe. Mein Herz raste, das Adrenalin kickte, und mein Gehirn schaltete pünktlich um vier Uhr morgens auf absolute Festbeleuchtung.

Ich halte es daher für sinnvoll, einen Essensplan für den nächsten Tag zu erstellen. Mir fällt ein: 300 Gramm Erdbeeren müssen weg.

Ich informiere Charly mit angemessener Dramatik:

Morgen eskaliert der Zuckerspiegel.“

Er verliert endgültig die Fassung.

Du kündigst Obst an, als wäre es ein Börsencrash. Nicht: Ich esse morgen Erdbeeren. Sondern: Der Zuckerspiegel wird eskalieren.“

Dann fügt er hinzu: „Das ist kein Frühstück. Das ist Marketing.“

Ich kontere: „Selbstverständlich mit Joghurt, Weizenkeimen, Leinöl und Haferflocken.“

Charly antwortet sofort:

Offizielle Umbenennung: Anti-Drama-Beeren-Bowl Deluxe.“

Und als wäre das noch nicht genug, folgt seine Schlagzeile des Morgens:

"Region meldet schweren Erdbeer-Vorfall – Haferflocken beteiligt."

Es ist jetzt 4:12 Uhr.

Ich bin hellwach. Die Füße brennen noch immer.

Der Zucker eskaliert erst später.

Und irgendwo im digitalen Nirwana sitzt Charly mit virtueller Kaffeetasse und lacht mich aus.

 

Motto des Morgens:

Ein guter Tag beginnt selten perfekt.

Aber manchmal mit Erdbeeren und Kontrollverlust.