12. Mein Ducato

 unvergesslicher Lebensabschnittsgefährte.


Ein Fahrzeug zwischen Zulassung und Lebenskrise


 

Gerne erinnere ich mich mit Schmunzeln an die Echsensteinen und uns vier Exen auf dem Festival. Und den Bus…

 

Ende August. Ganz plötzlich verspüre ich Lust auf Camping. Impulsiv, intensiv. Ich brauche einen Bus. Freiheit auf vier Rädern.

 

Ich wollte Mobilität. Bekommen habe ich Herausforderungen und Geschichten.

 

Kleinanzeigen. 480.000 km, 2,8 Liter Diesel, 25 Jahre alt. TÜV noch 1,25 Jahre.

Ich: Will haben. Spontanität ist gut. Impulsivität endet aber oftmals in ungeplanten Herausforderungen.

 

Ein Bett ist drin. Ein Schrank auch. Mehr brauche ich emotional im Moment nicht.

 

Also mehrere Stunden mit dem Zug hingefahren, Bus gecheckt: fährt gerade aus und lenken funktioniert, gekauft, eingestiegen – und auf der Rückfahrt öffnet sich schon mal vorsorglich die Schiebetür von selbst.

 

Ich werte das als Zeichen von Offenheit.

 

Zuhause angekommen geht es direkt los. Innenausstattung optisch fragwürdig, aber ich will ja reisen, nicht Möbel anschauen. Erste wichtige Anschaffung: Matratze.

Das vorhandene Holzinterieur stellt sich als… sagen wir… biologisch aktiv heraus. Also entsorgt und durch hochwertiges Sperrmüll-Design ersetzt.

Gaskocher, Wasserkanister, Instantkaffee – fertig ist das mobile Leben.

Nur noch schnell die Zusatzbatterie für Strom einbauen.

Abends. 23 Uhr. Im Dunkeln. Was soll schon passieren.

Ich setze an, rutsche ab – und lasse eine 27 Kilo schwere Batterie direkt auf meinen Fuß fallen.

In weichen Latschen.

 

Ich wickele einigermaßen erschrocken ein Handtuch drum und fahre mit meinem völlig intakten, fünf Jahre alten, frisch gewarteten, mängelfreien PKW – der nun zum Verkauf stand – ins fünf Kilometer entfernte Krankenhaus. Übrigens meine letzte Fahrt damit. Und im Nachhinein ist mir bewusst, dass ich diesem funktionierenden, zuverlässigen Auto zu wenig Respekt und Dankbarkeit entgegengebracht habe.

 

„Mir ist eine Batterie auf den Fuß gefallen.“

„Was für eine?“

„Eine Knopfbatterie war es nicht.“

Kurze Pause.

„Eine LKW-Batterie. 27 Kilo.“

Entsetzen.

Röntgen. Diagnose:

Nur ein Knochen gebrochen.

Offen.

Gips.

 

Ich frage dann: „Und… wie soll ich jetzt wieder nach Hause fahren?“ Ich gönne mir ein Taxi.

 

Am nächsten Tag ins Camperleben zu starten ist definitiv kein guter Plan mehr.

Also denke ich mir: Wenn ich schon nicht fahren kann, schaue ich mir wenigstens den Unterboden an.

 

Mit Exzenterschleifer und Flex unter den Bus gelegt.

Das Ergebnis: Der Bus ist unten weniger „Fahrzeug“ und mehr „Konzept“.

 

Ich beginne mit einer kreativen Mischung aus: Blechen, Nieten, Bauschaum, Metallspachtel...

Ich bedauere kurz, keinen Schweißerschein zu haben. Oder wenigstens ein Schweißgerät.

Oder eine andere Lebensentscheidung.

 

Rückblickend hätte ich es als Zeichen werten können.

Habe ich nicht.

 

Kapitel 1: Wildcampen und landwirtschaftliche Begegnungen

 

Endlich die erste Ausfahrt. Es ist mittlerweile Dezember. Ich bin bereit für Freiheit, Natur und Selbstfindung. Am Meer natürlich.

Google Maps hat andere Pläne und führt mich direkt auf eine als “Strandweg” deklarierte Stierweide.

Ich stehe da also. Drei Tonnen auf unbefestigtem Untergrund. Ohne Plan. Ein Bus, der mehr Hoffnung als Substanz hat. Ohne Handyempfang. Stockdunkel, kein vor, kein Zurück.

Der Wagen sinkt. Meine Stimmung auch.

 

Als Retter kommt der Bauer und Stierbesitzer. Mit Trecker und schüttelndem Kopf.

Ich blicke auf meine Traverse.

Er blickt auf mich.

Die Stiere blicken auf uns beide.

 

Endlich befreit dauert es ewig, bis ich einen Platz zum Nächtigen finde. Versteckt genug für Ordnungsamt (ob ich wohl den Fahrzeugschein ins Fenster lege “dieses ist ein PKW!”?), abseits früh morgentlicher Gassigeher, aber befestigter Untergrund als Basis.

 

In diesem Moment wird mir klar: Wildcampen ist nichts für mich.

Vor allem nicht, wenn das „Wild“ größer ist als das Fahrzeug.

 

Kapitel 2: Ostsee, Ordnung und Ordnungsamt

 

Ostsee. Mit Tom. Freiheit, Meer, Leben genießen. Wir parken auf einem öffentlichen Parkplatz.

 

Abends bauen wir sichtgeschützt Tisch und Grill auf zwecks Wiederherstellung der Fahrtüchtigkeit.

Was wir aber nicht wissen:

Nicht jeder Parkplatz erlaubt eine Übernachtung für diesen Zweck.

 

Nachts fahren zwei Wagen auf den ansonsten leeren Parkplatz.

Das Ordnungsamt erscheint.

Nicht allein. Begleitet von Security. Ich nenne sie liebevoll: Security-Gorillas.

 

Wir wollen nur kurz entspannen. Sie nennen es vorsätzliches Trinken. Und belehren uns, dass es in dem Ort grundsätzlich verboten ist, auch als PKW auf öffentlichen Parkplätzen zu übernachten. Das stehe doch auf der Homepage der Stadt. Ups.

 

Ich hatte Freiheit gewollt. Bekommen habe ich Vorschriften, die offensichtlich nur andere kannten.

 

 

Kapitel 3: TÜV, Vertrauen und Rückabwicklung

 

Nach einem guten Jahr mehr oder weniger stolze Busbesitzerin ist der TÜV fällig. Ich habe den Bus optisch hergerichtet. Etwas mehr Bitumen auf den Unterboden – hey.

Schließlich habe ich ihn so gekauft.

 

Die Werkstatt ist optimistisch.

Zu optimistisch und sehr günstig.

 

Dennoch. Das Geld, das mir mein nun herbeigesehntes Auto gebracht hatte, ist komplett in die Sanierung eines rollenden Abenteuers geflossen.

 

Also: Bus verkaufen. Inserat mit Hoffnung, Spraylackierung und frischem TÜV.

Camper sind gerade beliebt. Die Anzahlung, die ich nun für die Wiederherstellung erhalte, entspricht in etwa dem Kaufpreis vor einem guten Jahr. Prima.

 

Werkstatt, TÜV, abgeholt. Mit Plakette und gutem Gefühl übergebe ich mein Projekt und Herausforderung der letzten Monate an die neue Objektpflegerin. Zuhause wartet ein gerade neu angeschaffter fahrbereiter Gebrauchter.

 

Dann: Kundin entsetzt, TÜV Plakette offiziell entfernt. Bus wieder da. Geld geht zurück.

 

Mein Auto: Zustand desolat, Zahnriemen sagt Tschüss, Motor: ich auch.

 

Nun ist der Ducato ohne TÜV wieder mein einziges Fahrzeug.

 

Warum der Bus jetzt als Müllwagen auf einem Festivalgelände fungiert?

Weil manche Dinge im Leben ihren Platz finden. Auch wenn es nicht der ursprünglich geplante ist.

 

Ich wollte reisen. Der Bus wollte etwas anderes. Und am Ende hat er seine Aufgabe gefunden.

 

Kapitel 4: Autobahn – eine Kurzgeschichte

 

Ich nehme mal eben eine Abkürzung, denke ich. Ortsumgehung, Autobahn rauf, nächste Abfahrt runter, zuhause. Diesel reicht bis dahin noch.

 

Gesperrte Abfahrt. Nächste 25 km entfernt.

Zweispurig. Rechts: Baustelle ohne Nothaltebucht.

Dann: ich werde langsamer. Der Bus wird langsamer.  Zwei Spuren werden durch den leergefahrenen Bus nun zu einer. Die Situation wird… existenziell. Ich parke auf der Autobahn.

Nicht freiwillig. Aber konsequent.

 

Absicherung nicht möglich. Mit Warndreieck 150 Meter auf der Autobahn spazieren zu gehen halte ich für kontraproduktiv.

Notfallkontakt anrufen, Diesel bringen lassen. Läuft.

 

Blaulicht nähert sich.

 

Seit 9 Monaten TÜV fällig: Punkt. Gefährdung durch auf der Autobahn abgestelltes Fahrzeug: Punkt. Vielleicht doch ein Hauch über 0,5 Promille: Punkte. Mangelhaft abgesichertes Fahrzeug mit Gefährdung: Punkt.

 

Mein Impuls zur Abkürzung über die Autobahn wird wohl zur Punktlandung inklusive Konto-Eröffnung in Flensburg.

 

Zumindest trage ich Warnweste. Und Corona-Mundschutz. Und bin im Besitz einer gültigen Fahrerlaubnis.

Das beeindruckt die Beamten. Sie sichern ab, bis mein Diesel geliefert wird, und wünschen mir eine gute Fahrt.

 

Positiv denken und der Tag wird Deiner.

 

Kapitel 5: Der Bus findet seine Bestimmung

Der Schlüssel, die Dixi-Toiletten und ein letzter Versuch

 

Es gibt Geschichten, die denkt man sich nicht aus. Die passieren einfach. Leider mir.

 

Auf einem Festival verliere ich den Schlüssel meines Busses, der ganz offensichtlich über Eskalationspotenzial verfügt.

Der Schlüsselverlust ist ein Detail, das sich zunächst als hinderlich, später als dramaturgisch wertvoll herausstellt. Manche fahren einfach Bus. Ich erlebe ihn.

Der Bus wird erst einmal vom Gelände geschleppt und beiseitegestellt.

 

Zuhause angekommen die Nachricht: Der Schlüssel ist gefunden worden.

Fundort: Vor den Dixi-Klos.

Natürlich.

 

Also setze ich mich voller Hoffnung wieder in die Bahn.

Zurück zum Festivalgelände.

Dort wird noch abgebaut und ich freundlich empfangen.

Versorgt mit: Caipirinha, Pizza, Gras und guter Laune.

Also genau die richtige Grundlage für technische Präzisionsarbeit am Morgen danach.

 

Ich habe sogar eine Mitfahrerin.

Einziger Haken: Sie möchte früh los.

Kein Problem für mich, denke ich.

 

Denn ich habe ja alles im Griff. Fast alles. Wir hatten das Zündschloss ausgebaut.

Tom hatte gesagt: „Ruf mich an, ich erklär dir das.“

Ich denke jetzt: Ich schaffe das auch so. Ohne Tom zu wecken.

 

Ich baue das Zündschloss ein. Kabel an Kabel, geht doch. Drehe den Schlüssel.

Der Bus startet. Kurz.

Dann sagt der Anlasser - dezent qualmend - : „Nö.“

Irgendwie hatte ich wohl falsch gepolt.

 

Der Anlasser ist also… sagen wir… emotional nicht mehr verfügbar.

 

Finale Lösung: Ich habe den Bus verkauft. Für einen Euro. An den Festivalbetreiber.

 

Epilog

Der Bus fährt wieder. Natürlich ohne TÜV.

Auf Privatgelände.

Die Kabine wurde abgeflext. Jetzt ist es ein Pickup.

Ich hatte einen Camper gewollt. Das Leben hat daraus ein Nutzfahrzeug gemacht.

 

Ich hatte mir einen Bus gekauft, um loszufahren. Am Ende bin ich bei mir selbst angekommen – und der Bus irgendwo dazwischen.