Vor etwa zehn Jahren bin ich im Internet auf ein Zitat des deutschen Lyrikers Gerd Groß gestoßen. Damals dachte ich: Ja, genau so ist Liebe.
„Liebe ist Glück. Das Gefühl, wichtig zu sein, gebraucht und verstanden zu werden. Liebe ist Geborgenheit. Liebe ist Vertrauen. Liebe ist Geben und Nehmen. Wahre Liebe ist, das letzte fehlende Puzzleteil gefunden zu haben …“
Damals konnte ich das vollkommen unterschreiben.
Heute sehe ich manches anders.
Zum Beispiel glaube ich nicht mehr, dass Liebe bedeutet, gebraucht zu werden. Und ich glaube auch nicht, dass Liebe auf einem ständigen Geben und Nehmen beruhen sollte. Denn sobald wir anfangen zu rechnen, entstehen Erwartungen.
Und Erwartungen sind erstaunlich gut darin, Liebe im Weg zu stehen.
Auch das Bild vom fehlenden Puzzleteil passt für mich heute nicht mehr.
Ich glaube nicht, dass ein Partner uns erst vollständig macht.
Wir sollten bereits ein vollständiges Puzzle sein.
Die Liebe eines anderen Menschen ist für mich kein fehlendes Teil mehr. Vielleicht eher der wunderschöne Rahmen, der das fertige Bild noch schöner wirken lässt.
Verliebt sein und lieben sind für mich übrigens zwei völlig unterschiedliche Dinge.
Verliebt sein ist aufregend.
Schmetterlinge im Bauch, Herzklopfen, kaum Schlaf, ständig ans Handy schauen und überlegen, warum der andere gerade nicht antwortet.
Man sieht den Menschen oft so, wie man ihn gerne hätte.
Liebe dagegen ist viel ruhiger.
Sie wächst mit der Zeit.
Liebe bedeutet, den anderen wirklich zu sehen. Nicht nur seine schönen Seiten, sondern auch seine Macken, Schwächen und Eigenarten – und ihn trotzdem anzunehmen.
Ich würde sogar sagen:
Verliebt sein macht blind. Liebe macht sehend.
Deshalb glaube ich heute, dass wir zuerst uns selbst kennenlernen sollten.
Uns selbst akzeptieren.
Uns selbst vertrauen.
Uns selbst mögen.
Denn wer ständig hofft, dass ein anderer die eigenen Wunden heilt, wird irgendwann enttäuscht werden.
Ein Partner kann unser Leben bereichern.
Aber er sollte nicht dafür verantwortlich sein, unser Glück zu erschaffen.
Für mich gehören zu einer harmonischen Beziehung gemeinsame Werte.
Wenn ich Ehrlichkeit wichtig finde, sollte mein Partner Ehrlichkeit ebenfalls leben.
Wenn Authentizität für mich selbstverständlich ist, wünsche ich mir keinen Menschen, der ständig Rollen spielt oder sich hinter Masken versteckt.
Liebe braucht keine perfekten Menschen.
Aber sie braucht Ehrlichkeit.
Und deshalb ist es so wichtig, sich Zeit zu lassen.
Nicht nur das Lächeln kennenzulernen, sondern auch die stillen Momente.
Nicht nur den Alltag, sondern auch den Streit.
Nicht nur die Sonnenseiten, sondern auch die Schatten.
Erst dann beginnt man zu erkennen, wen man wirklich vor sich hat.
Das Wort Liebe wird heute unglaublich schnell benutzt.
Manchmal nach wenigen Wochen.
Manchmal nach wenigen Tagen.
Ich glaube, echte Liebe braucht Zeit.
Sie wächst.
Sie entwickelt sich.
Und vielleicht macht genau das vielen Menschen Angst.
Denn Liebe bedeutet auch, sich verletzlich zu zeigen.
Ich glaube, wenn zwei Menschen sich selbst kennen, ihre eigenen Gefühle reflektieren können, Verantwortung für ihr Leben übernehmen und gelernt haben, sich selbst zu lieben ...
... dann kann etwas ganz Besonderes entstehen.
Dann wird Liebe nicht mehr zu einem Bedürfnis.
Sondern zu einem Geschenk.
Und noch etwas hat sich für mich verändert.
Früher dachte ich, Liebe sei vor allem ein Gefühl.
Heute glaube ich:
Liebe ist auch eine Entscheidung.
Eine tägliche Entscheidung.
Sich füreinander zu entscheiden.
Sich mit Respekt zu begegnen.
Einander zuzuhören.
Auch dann, wenn gerade nicht alles leicht ist.
Und den anderen nicht verändern zu wollen.
Wenn wir aufhören zu erwarten, dass ein anderer uns glücklich machen muss, entsteht etwas Erstaunliches.
Dann können wir lieben, ohne zu besitzen.
Nähe genießen, ohne zu klammern.
Gemeinsam wachsen, ohne uns gegenseitig festzuhalten.
Denn...
Wenn man nichts braucht, kann man alles geben.
Zum Schluss passt für mich heute ein anderes Zitat besonders gut. Katharine Hepburn brachte es wunderbar auf den Punkt:
„Liebe ist nicht das, was man erwartet zu bekommen, sondern das, was man bereit ist zu geben.“
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